• Susi

Der Gedanke.

Er kommt durch die Hintertür. Der Gedanke. Eigentlich schleicht er schon eine Weile hier rum. Der Gedanke.




Ich hab ihn gehört. Mir überlegt, wie er wohl heißt. War bei: "M hat mich verletzt", "M übergeht mich", "Was er tut, ist nicht OK" und und und... Fand dann pathetisch: "M hat unseren Raum verletzt" und jetzt höre ich wie die Hintertür knarzt und sehe ihn. Den Gedanken. Ich sehe ihn klar und deutlich und schmerzhaft. Ein alter Bekannter. Hatte ich gehofft, ihn nie wieder zu sehen? Nun steht er da, in voller Größe. Er heißt:

"M kämpft nicht um mich."



Meine Gedanken sausen durch Zeit und Raum. Habe ich das nicht schon vor 10 Jahren gedacht und vor 30 auch und wie oft noch? Lange bevor es Männer waren, waren es meine Eltern, meine Freundinnen, ja sogar meine Lehrer, vielleicht sogar mein Kind.

Und habe ich tatsächlich geglaubt, ein durchgeworktes Hirn und/oder ein neuer Mann können mich davor bewahren, diesen Gedanken und seine Geschwister ala "ich bin dieser Person nicht wichtig" jemals wieder glauben zu müssen?


Jetzt steht er also vor mir. Der Gedanke. Groß und schwer und wehrhaft. Er drückt mich gegen die Wand. Ich will mich befreien, am besten mit Ablenkung. Mir die Dinge schönreden, eine schnelle Umkehrung vielleicht. Aber nein, das geht nicht, er will gesehen werden. Er schaut mir in die Augen, er ist präsent. "Schau hin" höre ich seine Stimme, obwohl er den Mund nicht öffnet. "Schau. Mich. An."


Vorsichtig, ängstlich hebe ich den Kopf und schau hin. Ich will überleben und dies ist meine Chance.


Die Situation. Eine von vielen der letzten Tage. M teilt mir mit, dass wir heute abend Besuch kriegen. Eigentlich war ausgemacht, dass wir übers WE unsere aktuelle Situation (ich nenne es "Krise", er "Chance") sacken lassen und dann heute darüber reden. Nun kommt noch eine Freundin zu Besuch. Kein Raum nur für uns zwei.


Ich hebe die Augen. Schaue ihn an, den Gedanken. OK, ich bin jetzt bereit für dich.

"M kämpft nicht um mich."


Der Gedanke steht da groß und schwer und fragt mich: ist das wahr?

Ja. Jaaaaa. Jaaaaaaaaaaaaaaa!


Und er schaut und flüstert: Kannst du das mit absoluter Sicherheit wissen?

Wir bekommen Besuch, ein kleines, zaghaftes, schüchternes "nein" schlüpft durch einen Schlitz in der Wand und nimmt zart meine Hand, während ich dem großen, schweren, furchterregenden Gedanken weiter in die Augen schaue. Obwohl das 'nein' so winzig ist - was soll es schon ausrichten können, gegen die erdrückende Macht des Gedankens - spüre ich, wie ich ruhiger werde, ich kann standhafter bleiben, während ich dem Gedanken in die Augen schaue.


"M kämpft nicht um mich"


"Wie reagierst du, was passiert, wenn du das (also mir) glaubst?" lese ich nun in seinen Augen.

Ich will augenblicklich wegrennen. Ich bleibe stehen und sehe doch wie ich renne und renne und renne. Ich flüchte mich in Ablenkungen, und/oder Beweise. Mit den Beweisen mache ich zwar alles nur noch schlimmer und doch suche ich förmlich nach ihnen. Als könnten sie mich vor künftiger Ent-Täuschung schützen. M wird zum Monster, zur persona non grata, ich zu einem kleinen nicht-liebenswerten etwas. Ich bin nichtmal mehr ein Mädchen, geschweige denn eine Frau. Geschunden, verschwunden. Kraft- und saftlos. Ich suche Anerkennung durch andere, als könnten sie mir meinen Lebenssaft wiedergeben.


Ich hebe wieder den Blick, schaue ihn an. "Wenn ich dich glaube, verschwinde ich." Wir blicken uns an. Lange. Ich werde durchscheinend, bis ich fast unsichtbar bin. Und ich stehe noch hier. Ich sehe, wie sein Blick liebevoll wird. Und spüre das Vibrieren seiner dunklen Stimme in meinem Bauch.


"Wer wärest du ohne den Gedanken? Wer wärest du, wenn ich hier stehe, wenn du mir nicht glauben würdest? Wenn du nicht glauben könntest, dass M nicht um dich kämpft?"

Ich möchte augenblicklich rebellieren. Dann wäre ich doch wohl naiv und würde alles mit mir machen lassen!!!


Schhhhhhhhhttttt. Er legt den Finger auf den Mund. Wiederholt sanft die Frage: "Und wer wärest du, ganz ohne den Gedanken?"

Ich schaue ihn an. Ich spüre, er liebt mich. Der Gedanke. Deshalb ist er zurückgekommen. Der Gedanke. Noch weiß ich nicht, wer ich ohne ihn wäre, ich nehme nur seine liebevolle Präsenz wahr.


Also wer wäre ich, ohne dich? Frage ich mich jetzt selbst, während ich ihn weiter unverwandt anschaue.


Ich schließe langsam die Augen. Atme. Ich bin allein. Der Gedanke ist nicht sichtbar. M gerade auch nicht. Nur ich und das Pochen meines Herzens.


Ich bekomme wieder Farbe. Stehe einfach hier. Ich spüre mich von innen. Ich bin da. Ein Mensche, der liebt und manchmal leidet, weil er stressige Gedanken spannend findet. Ohne den Gedanken ist es nichtmal mehr wichtig, ob M um mich kämpft oder nicht. Ohne den Gedanken ist M nur noch halb so wichtig. Falls überhaupt. Und mit seinem Verblassen kann auf einmal meine Liebe wieder zu ihm hinfließen.


Ich öffne die Augen. Der Gedanke steht noch da. Er lächelt. "Jetzt weißt du, wofür du mich brauchtest. Und warum du mich jetzt nicht mehr brauchst".


"Ja" hauche ich. Er nimmt meine Hand, um Abschied zu nehmen. Er wird wiederkommen, wenn ich ihn wieder rufe, aber nur dann. Den Rest, weiß er, kann ich alleine.


Ich fange mit den Umkehrungen an, während ich ihn langsam weggehen sehe.


- Ich kämpfe nicht um mich.

  • Wenn ich M aufbausche und zu meinem Lebenselixier mache.

  • Wenn ich nicht meiner allerersten Reaktion vertraue, die vor dem Grübeln kam und die hat sich gefreut, dass die Freundin heute abend kommt.

  • Dass ich überhaupt ans Handy gegangen und ihm geschrieben habe, spürte ich doch gerade vorher Frieden in mir.


- Ich kämpfe nicht um M.

  • M ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Ich kämpfe nicht nur nicht um ihn, sondern versuche geradezu ihn zu vernichten, wenn ich versuche, das Außergewöhnliche an ihm auszumerzen.

  • Ich glaube ihm nicht, wenn M mir immer wieder sagt, dass er gar keine Krise sieht, im Gegenteil, nur einen wunderschönen Prozess, den wir beide auf eine besonders schöne Art gerade miteinander meistern.

  • Ich habe M gesagt, dass ich dieses Gespräch zu dritt mit dieser Freundin dringend möchte. Ich habe ihm auch zu verstehen gegeben, dass ich mich nicht darum kümmern werde, dass es statt findet. Und jetzt kreide ich ihm an, dass er dafür gesorgt hat.


Ich hebe den Blick. Der Gedanke "M kämpft nicht um mich" ist an der Schwelle zur Tür stehen geblieben. Diesmal nimmt er nicht die Hinter- sondern die Vodertür. Er dreht sich ein letztes Mal zu mir um, lächelt mich an und hebt die Hand zu einem letzten Gruß. Dann wendet er mir den Rücken zu und während er langsam den Raum verlässt, lese ich die Leuchtschrift auf seinem Rücken:


- M. kämpft um mich.

  • Er hat dieses Treffen angeleiert, weil ich es wollte.

  • Er läßt sich nicht von mir verbiegen. Er bleibt sich treu.

  • Er ist dabei etwas Neues zu kreieren. Er weiß, dass ich nicht immer nachkomme. Aber er weiß, es wird gut und er vertraut mir, dass ich meinen Weg finde.

  • Er kämpft um mich, indem er nicht *kämpft*, sondern vertraut, er liebt um mich.


Ich liebe um ihn. Ich liebe um mich.


Ich sehe, der Gedanke hat eine Botschaft auf einem rosa Zettel für mich hinterlassen. "Höre nie auf, um dich zu lieben. Du bist es mir wert. Ich liebe dich."

"Ich auch" wispere ich mit Tränen in den Augen.


Als Coach arbeite ich mit The Work of Byron Katie und/oder mit inneren Bildern zu denen ich dir deine ganz persönliche Liebes-Geschichte schreibe. Wenn du neugierig bist, sprich mich an. ......

Work und Text: eine Stimme in meinem Inneren

Bild: pixabay

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