• Susi

Ein Brief unter Freundinnen.

Meine liebe Freundin,


unsere Zeit neigt sich nun dem Ende zu, und ich denke in Demut zurück, mochte ich doch deine anstrengenden Besuche so lange nicht.

Oft fühlte ich mich sehr indifferent dir gegenüber. Als das anfing mit uns beiden, da war ein Teil von mir durchaus stolz, dich an meiner Seite zu haben. Aber der andere Teil haderte mit dir, schließlich konnten viele Leute dich nicht leiden.

Ich glaube, heimlich wünschte ich mir manchmal, ich könne wirklich zu dir stehen, aber dann tatest du mir wieder weh und ich fand, die Welt war zu recht sauer auf dich.

Ich habe oft über dich gelästert, weißt du. Das tut mir heute leid. Schließlich habe auch ich mich damit selbst verletzt und dazu beigetragen, dass dein Ansehen leidet.

Dann kamst du auf einmal eine ganze lange Zeit nicht mehr. In der Zeit habe ich ein Baby gekriegt und du warst der Meinung, dass ich dich gerade nicht brauche. Anfangs war ich echt froh, dich nicht mehr zu sehen. Aber nach einer Weile fühlte ich mich irgendwie unvollständig. Mein Kind stillte sich immer mehr ab und ich fing an, dich zu vermissen. Es überraschte mich, das zu fühlen.

Auf einmal warst du wieder da. Du hattest dich verändert. Oder hatte ich mich verändert? Auf jeden Fall wurde es besser mit uns beiden. Immer noch kein Dream-Team, aber immerhin ein Team.

In dieser Zeit lernte ich auch meine stresserzeugenden Gedanken mit The Work of Byron Katie zu hinterfragen und ich tat das auch mit dir. Deine regelmäßigen Besuche waren nämlich seelisch und körperlich immer noch höchstanstrengend für mich.

Ich wünschte mir, es wäre leichter. Ich hinterfragte das und fand etwas heraus, was mir schwer fiel zuzugeben, vor allem vor mir selbst: ein Teil von mir liebt diese Tage, in denen du mir so zusetzt, dass ich nur noch sehr schlecht funktioniere. Es hat etwas von Rückzug in dieser schnelldrehenden Welt.

Wann immer ich konnte, fing ich an, mir diesen Rückzug auch zu gönnen, einfach mal einen Tag blau zu machen und mit dir auf der Couch abzuhängen, tief verbunden in unserer Weiblichkeit. Das war wohl der erste Schritt.

Der zweite Schritt passierte, als meine Freundin mir ein Buch lieh. Es handelte von freier Menstruation. Zusammen verschlangen wir beide es.

Die Idee ist, ähnlich wie bei anderen Körperausscheidungen diese aktiv aus dem Körper herauszulassen. Wir zwei lernten, als Team, die Signale zu spüren, so dass ich rechtzeitig ins Bad gehen konnte. In dem Buch sagten sie, es seien dann gar keine Hygieneartikel mehr nötig. Aber da waren wir uns auf einmal einiger denn je: eine Binde zu Sicherheit gab uns ein entspanntes Gefühl.

Wir trainierten so oft wir konnten. Gingen einfach häufiger ins Bad und saßen dort länger. Spürten in uns rein. Mit dem Bild einer sich aufblühenden Blume am Muttermund öffneten wir uns füreinander in Zeitlupe.

Und auf endlich sah ich dich in deiner ganzen Schönheit und Pracht, was für eine wundervolle satte rote Farbe du doch hast. Obwohl ich dich schon 1000mal gesehen hatte, war es, als sehe ich dich zum allerersten Mal. "1000 und eine Nacht und es hat zoom gemacht."

Ich wurde immer feinfühliger und offener für dich und ich konnte nicht umhin, die Zeit mit dir zu genießen. Im übrigen stellte ich fest, dass nicht nur der Verbrauch von Hygieneartikeln, sondern auch die Schmerzen drastisch weniger wurden.

Durch diesen freien Umgang mit dir kam ich auch nochmal in anderen anderen Kontakt zu meiner Yoni. Dieses Öffnen der Blume hatte etwas zutiefst Hingebungsvolles und wurde begleitet von einem Hauch Erotik.

Nun ja, unsere Klosessions sind selten geworden. Du bist schon auf dem Weg, mich zu verlassen.

Ich kann nicht sagen, dass ich traurig bin, ich bin jetzt bereit, dich gehen zu lassen, in tiefer Dankbarkeit für deine Treue in all den Jahren.

Ich habe schon eine neue Freundin, die Hitze und ich weiß, du hast sie mir geschickt, damit ich nicht so schnell vergesse, was es heißt, mich selbst zu spüren.

Du Wunderbare, ich danke dir für alles, was du mir in meinem Leben geschenkt hast.

Machs gut.


Text: Susanne Große-Venhaus Foto: Alex Blăjan, unsplash.com

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