• Susi

Eine illustre Fahrgemeinschaft.

Drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und ein Mann, der jede dieser Frauen in seinem Herzen trägt. Ein Auto und ein gemeinsames Ziel. Die Liebe.

Wir fahren zum PAN-Treffen. Dem Treffen polyamorös lebender oder interessierter Menschen. Ich zähle mich zur zweiten Kategorie, nachdem dieser Mann auch mein Herz im Sturm erobert hat. Die anderen Frauen kannte ich bis dato nicht bzw. kaum. Und doch mag ich sie auf Anhieb. Sie sind jede auf ihre Art einzigartig. Sehr unterschiedliche Energien sitzen in diesem Auto. Ich bekomme eine Ahnung, warum er uns alle liebt. Es scheint, als ob unsere einzige Gemeinsamkeit die Liebe zu diesem Mann ist und doch gibt es andere Gemeinsamkeiten, allen voran die Liebe zum Leben und zur Liebe.

So sitzen wir also in diesem Auto. "Konkurrentinnen" wie wir wohl in meinem bisherigen Denken gewesen wären. Und doch fühle ich mich eher, als ob mir gerade zwei neue Freundinnen geschenkt werden. Meine Metairgendwas. Das Wort höre ich dann einen Tag später, als uns jemand fragt: "Seid ihr Metamors?" MetaWAAS??? Ich bekomme Aufklärung, wir sind in einem Polykül und wie die Atome in einem Molekül sind wir vernetzt und jede/r einzelne von uns hat eine bedeutende Rolle in diesem Netzwerk. Ich komme mir vor, wie im Liebes-Chemie-Unterricht für Anfängerinnen.

Manchmal muß ich es mir noch auf der Zunge zergehen lassen. Ich sitze gerade mit meinem Freund und seinen anderen Freundinnen in diesem Auto. Jaja, genau SO.

Während sein polyamores Leben für mich bis dato relativ abstrakt war, mehr ein kognitves Wissen, verbunden mit gelegentlichen emotionalen Ängsten, wird es nun ganz real. Diese Frauen da, die gibt es wirklich und sie sind NETT. So richtig nett. In diesem Auto und den kommenden fünf Tagen bekomme ich eine echte Ahnung davon, dass Liebe sich tatsächlich vermehren kann, wenn man sie teilt. Zu keiner Sekunde fühle ich mich ungeliebt, selbst wenn mein Ego sich ab und an mehr exklusive Aufmerksamkeit wünscht.

Mir kommt das Bild eines Jongleurs in den Sinn, der behutsam und mit einer ganz besonderen Eleganz mit diesen wunderschönen Kegeln jongliert. Manchmal fliege ich durch die Luft und weiß doch, ich werde immer wieder sicher aufgefangen.

Und während ich so fliege, schau ich mich mal um, in dieser Welt der Poly's, wie sie sich nennen.

Äußerlich ganz "normale" Menschen, wie dich und mich treffe ich dort. Dann auch welche, denen man das "Anders"-Sein schon sofort ansieht.

Ich muß schon erstmal tief atmen. Das ist viel hier für mich. Sehr viel. Im Laufe der Tage lerne ich einige Polys näher kennen, sie wachsen mir an mein Herz. Ich sehe, dass sie gar nicht so anders sind. Sie alle sehnen sich nach Liebe, wie wohl alle Menschen. Was sie vermeintlich anders macht, ist nur der Wunsch, diese Liebe nicht zwangsläufig mit nur einem Partner ausleben zu dürfen. Da gibt es bekennende "Polys", die unabhängig davon, ob sie derzeit solo in einer oder mehreren Partnerschaften leben, sich selbst das Label polyamor geben. Aber auch bisher monogam lebende Singles und Paare treffe ich hier. Menschen, die ähnlich wie ich, eher mal neugierig gucken wollen, ob sie sich mit dieser Liebes-"Form" ohne Form wohlfühlen würden.

Ich bekomme eine Ahnung davon, was polyamor vielleicht wirklich meint. Es geht nicht ausschließlich darum, mehrere Beziehungen parallel haben zu können, es geht wohl mehr darum, dass die Liebe frei fließen kann, fern von gesellschaftlich normierten Vorstellungen.

Es gibt sogenannte Poly-Beziehungen, die sehen sich nur wenige Tage im Jahr und dann haben sie wohlmöglich nichtmal Sex. Eine platonische Freundschaft würde man wohl im Alltagssprachgebrauch nennen. Sie nennen es *Beziehung*, weil es sich so anfühlt. Natürlich gibt es auch Sex in manchen dieser Polybeziehungen. Ein Mann erzählt mir, er habe drei feste Beziehungen und darüber hinaus immer wieder unverbindliche Affären. Da trifft die Polyamorie eine offene Beziehung.

Es gibt auch eine Menge Konzepte und Bezeichnungen, Begriffe fallen wie pan-sexuell, Beziehungsanarchie, egalitäre Beziehungen versus Primär- und nachgeordnete Beziehungen, Solo-Poly und was weiß ich noch alles. An diesem Punkt steige ich dann doch aus. Mir reicht, was ich glaube, verstanden zu haben.

Die Liebe ist frei. Aller Versuch sie in eine Begrifflichkeit oder Regel zu fassen, ist ein hilfloser Versuch von uns Menschen, die wahre Größe der Liebe zu erfassen und manchmal machen wir sie damit vielleicht nur kleiner.

Was wir kennen ist die Monogamie oder Monomorie. Ich finde das immer noch eine sehr schöne Idee. Und für viele Menschen ist eine Liebesbeziehung mit einem einzigen Menschen wirklich das, was sie leben wollen. Die meisten Menschen leben wohl eher in einer seriellen Monogamie, d.h. sie haben jeweils nur einen Beziehungspartner, aber im Laufe der Jahre dann schon mehrere nacheinander. Das ist das Übliche, aber eben nicht für alle das passende.

Diese Leute hier haben sich für einen anderen Liebensstil entschieden und werden damit leider ein wenig zu Außenseitern in unserer Gesellschaft. Ich z.B. teile das genau deshalb hier jetzt auch mutig auf Facebook. Ich habe mich verliebt und keine Lust, diesen Menschen nun abzulehnen, nur weil er meinen Normen nicht entspricht und meine Nachbarn mit dem Finger auf uns zeigen könnten.

Wie schön wäre es, wenn wir alle wirklich frei entscheiden könnten, wie wir Liebe leben wollen? Haben wir nicht alle auch Ängste, die Liebe zu verlieren? Ich definitiv und viele dieser polyamor lebenden Menschen auch. Auch sie treffen in ihren Beziehungen Vereinbarungen, Abmachungen und dergleichen. Ihr Streben ist es dabei vor allem, den jeweils für sie und die jeweilige Beziehung stimmigen Weg zu finden.

Weil es hier um Liebe geht. Nicht mehr und nicht weniger.

Wieder zuhause angekommen bin ich immer noch nicht poly. Nur noch ein Stück offener und gleichzeitig trotzdem manchmal eifersüchtig. Weiß ich immer noch nicht, wie ich all das in meine alte Welt integriert bekomme und bin ich dennoch so reich beschenkt worden mit Liebe, dass ich spüre, sie kann und wird wachsen unter dem alten Besitzdenken, was natürlich auch noch in mir lebt. Vielleicht ist auch das Liebe. Alles zu lieben. Und vielleicht entscheide ich mich eines Tages wieder für eine exklusive monoamore Liebesbeziehung.

Und ich werde dann nicht mehr die Gleiche sein, weil ich gelernt habe: Liebe kann man nur halten, wenn man sie hält ohne sie zu halten.

Danke euch lieben Menschen für diese Erfahrung.

Metamor und Polykül Der Begrifflichkeiten viel

Eine große neue Welt Die mich auf die Probe stellt

Polyamor so heißt das Wort Das mit mir verläßt den alten Ort

Der versprach mir Sicherheit Zu was anderem war ich nicht bereit

Dort war es ja auch recht bequem Wenn auch nicht wirklich angenehm

Vielleicht geh ich später mal zurück Doch jetzt schau ich noch ein Stück

In diesen Garten Eden Von dem andere schlecht reden

Er rührt an ihren Manifesten Und sie klammern an den Resten

Auch mein Ego kann das gut Darum brauche ich viel Mut

Mut auch zur Verletzlichkeit In dieser Welt der Herzlichkeit ---------------- Und dank an The Work of Byron Katie, durch die ich gelernt habe, das nichts von dem was wir glauben, wahr ist. Was mich erst befähigt hat, mich solchen fernen Welten zu öffnen.

Text: Susanne Große-Venhaus #ProjektSchamLos, www.liebens-lust.de

Bild: Pixabay

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