• Susi

Das Kondom ist geplatzt

Ihr Stimme ist sanft und liebevoll und ich will sie nicht hören: "Weißt du, wann es schwer für dich wird? Wenn er sich neu verliebt, wenn er sich in jemanden verliebt, so wie er sich damals in dich verliebt hat. Ja, das wird nicht leicht für dich werden."




Wie durch einen Nebel höre ich ihre Worte. Einen ultrakurzen Moment nur. Länger will ich sie nicht wahrhaben, weil ich weiß, dass sie recht hat. Aber das ist doch Zukunftsmusik. Und überhaupt... Wer weiß, ob das je passieren wird. Unsere Beziehung ist doch sooo besonders und ich habe mich doch schon so gut eingefunden in unser polyamores Beziehungsgeflecht. Schließlich ist die inzwischen sehr liebgewonnene Freundin, die diese Worte gerade sagt, ja auch eine Metamour (eine Freundin meines Freundes) von mir.


Das Kondom ist geplatzt.

Eigentlich merke ich es erst jetzt. Obwohl ein Teil in mir, es immer schon wußte. Ich habe versucht, mich zu schützen. Hab mir ein Superkondom gekauft und gehofft, dass es hält, so wie in diesem Augenblick als ihre liebevollen und zugleich warnenden Worte mich nur leise erreichten.

Ja, ich habe es mir schöngeredet. Hat er mir doch alles gegeben, was ich mir von einer Beziehung gewünscht hatte und darüber hinaus noch so viel mehr. War ich doch fasziniert von dieser freien Form der Liebe und seinem außergewöhnlichen Lebensstil. Fühlte ich doch, wie manches sich für mich so anfühlte, als habe ich genau das immer schon gewollt, nur nie zu träumen gewagt.

Und dann gab es noch den Rest. Die wiederkehrende Angst, eine andere könne eines Tages tatsächlich besser sein als ich. Also hab ich sie mir angeguckt, seine anderen Freundinnen, die die schon da waren. Wunderbare Menschenwesen. Jede für sich einzigartig. Jede mit einer ganz anderen Energie. Ich habe sie einsortiert, das Kondom drüber gestülpt und hübsche Schleifen drumgebunden. Ach, mit der teilt er das, mit der das, beides nicht meins. Aber nur mit MIR da teilt er das. Unsere Liebe ist einfach etwas ganz Besonderes.

Wann immer etwas auftauchte, was ich so schnell nicht einsortieren konnte, habe ich an dem Kondom ein wenig gezogen, solange bis ich es auch über diesen Teil noch drüberstülpen konnte. Und meine Welt war wieder hübsch.

Was ich nicht gemerkt habe, obwohl ich es gemerkt habe: ich hatte aufgrund meiner und der gesellschaftlichen Prägung nur ein monogames Kondom, das ich versuchte über die Polyamorie zu stülpen. Und irgendwann habe ich es wohl überstrapaziert und nun ist es passiert. Es ist geplatzt. Und jetzt bin ich wirklich schwanger. Womit? Ich weiß es nicht. Momentan ist es vor allem Angst. Angst, das zu verlieren, was so wunderschön war. Angst ihn zu verlieren. Angst den Traum der einen großen Liebe nun endgültig loszulassen. Angst, mich zu verlieren, wohlwissend, dass ich das längst habe und diese Schwangerschaft vielleicht genau das ist, was ich brauche, um wieder zu mir selbst zu kommen.

Das Kondom ist geplatzt. Er hat sich verliebt. Volle Pulle. Und er hat mich betrogen und sich nicht an getroffene Vereinbarungen gehalten. Und ich habe mich betrogen, als ich ahnte, dass das passieren würde und es nicht rechtzeitig angesprochen habe.

Und nun sind wir schwanger. Mit einer Veränderung unserer Beziehung, unseres Beziehungsgeflechts, unseres L(i)ebensentwurfes.

Es kam unerwartet. Und doch lag es schon länger in der Luft. Zu sehr waren wir (oder vor allem ich mit meinem Kondom) in ein klassisches Fahrwasser und damit auch in alte Beziehungsmuster gerutscht. Muster, die unabhängig von Mono oder Poly, ja von romantischer Liebe überhaupt, wohl in uns allen existieren. Muster ala "Du machst mich glücklich, aber wehe wenn nicht...."


Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen. Erst war er weg, dann ich. Nun ist das heißersehnte Wiedersehen. Eine laange Umarmung. Ein bißchen Und-du-so?-Talk. Warum nur bin ich schon seit ein paar Tagen so unruhig? "Du, ich muß dir etwas sagen" unterbricht er meine Erzählungen "ich platze sonst". Warum wählt er diese Worte, wo das was jetzt gleich platzen wird, doch vor allem ich bin, ich in meinem mono "Ich mach mir die Poly-Welt, wie sie mir gefällt"-Kondom? Er hat sich verliebt und diesmal ist etwas anders. Ich gebe mir Mühe, es in mein Herz aufzunehmen und ich komme nicht nach. Täglich präsentiert er mir eine neue Botschaft, die mir nicht schmeckt. Ich weine und bettele, aber eigentlich versuche ich, die Situation immer noch zu kontrollieren, zerre immer noch an den Resten des Kondoms. Aussichtslos.

Nur wenige Tage danach lerne auch ich "jemanden kennen". (Eigentlich eine megalangweilige Formulierung für etwas so spannendes). Bemerke, dass auch ich dem fremde-Haut-Hunger unterliege. Dass auch ich genieße, dass dieser Mensch so anders ist, andere Saiten in mir zum klingen bringt, mich neu-gierig macht, mehr von ihm zu erfahren und zu sehen, ob und was sich da zwischen uns entwickelt, was da geboren werden will.

Ich habe Schwangerschaftserbrechen. Vielleicht sollte ich abtreiben. Mich von der Polyamorie wieder abwenden, mir wieder einen soliden monoamoren Partner suchen oder - das wäre sicher noch sicherer - einfach glücklicher Single werden.

Einfach fliehen und reißaus nehmen. Ihm die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Meinen Kritkern glauben, die mich ja schon die ganze Zeit gewarnt haben.

"Polyamorie ist nichts für Feiglinge" hörte ich neulich irgendwo. "Monamorie aber auch nicht".


Ich bin schwanger. Womit eigentlich? Mindestens Mehrlinge. Die Ausdehnung erzeugt Schwangerschaftsstreifen. Ich stelle mich dem.


In lichten Momenten ahne ich die Größe, die entstehen kann. Das Bild, das ich malen könnte, von einer grenzen- und bedingungslosen Liebe. Aber auch das Bild, das ich malen dürfte, von den Grenzen, an die wir wohl alle kommen, mono-, poly-, single- oder sonstwie-amor. Grenzen, die es zu respektieren gilt, weil wir mit ihnen nur uns selbst verlassen würden.


Ob ich dem gewachsen bin? Ich weiß es nicht. Und doch weiß ich es.

Jetzt - erst jetzt - und doch zum exakt richtigen Zeitpunkt - komme ich also an diese Grenzen. Ich entscheide mich, das, was da in mir wächst, wachsen zu lassen. Was entsteht ist ungewiss und doch ist eins gewiss, es wird etwas entstehen und es ist an mir, das mitzugestalten.

Unterm Kondom kann man nicht so gut atmen. Wie gut, dass es geplatzt ist.

Wie gut, dass mein Partner und ich wissen, das Verlassensängste kein Grund sind, uns zu verlassen. Wie gut, dass wir um die Stärke unserer Liebe wissen. Wir werden einen Weg finden. Und wenn der Loslassen heißen sollte, werden wir das in Liebe tun.

Wie besonders in einer "frisch verliebt" Situation, dem neuen Menschen von dem Beziehungsstress mit dem "alten" Menschen erzählen zu können. Wie gut, der gewachsenen Liebe zu vertrauen und von dem frischen Wind in der neuen, sich gerade erst entwickelnden Beziehung erzählen zu dürfen. Und das mit aller Kraft der Wahrheit. "Ich liebe dich und ich will jetzt die andere sehen". "Ich liebe dich und ich kann das kaum ertragen." "Ich liebe dich und ich bin gespannt, wie sich unsere Beziehung entwickelt." "Ich liebe dich und ich bin froh mich dir so zeigen zu dürfen." "Ich liebe dich und ich bin froh auch diese Seite von dir kennenzulernen." ............ Diese Geschichte ist jetzt fast zwei Monate her. Meine neue Liebschaft hat sich inzwischen wieder ausgeschlichen, seine wird tiefer und fester. Ich gehe seitdem durch ein Fegefeuer der Gefühle. Begegne tiefsten Ängsten, stehe mehr als einmal vor dem Schluß machen. Hasse mich für meine Eifersucht und ihn, für seine Rücksichtslosigkeit. Es ist schlimmer, als die Freundin damals prognostizierte. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Als ich mich mehr als einmal bitter beschwere, dass er meinem Wunsch einfach nicht nachkommt, sich erstmal um unsere (seine und meine) Beziehung zu kümmern, damit ich die Neue mit offenem Herzen empfangen kann, bevor er sich so volle Pulle in die Beziehung mit ihr stürzt, sagt er zu mir, er könne einfach nicht anders. Es passiere nunmal selten, dass es einen so von den Füßen hebe und da er um die Halbwertzeit des Verknalltseins wisse, könne er nicht anders, als mit wehenden Fahnen zu ihr zu eilen. Und ich könnte ihn ermorden dafür und zugleich erschreckt es mich zutiefst. Hat er gerade gesagt, es hebt ihn von den Füßen und habe nicht ich noch eben gesagt, es zieht mir den Boden unter den Füßen weg? Habe ich gar versucht, auf seinen Füßen zu stehen? Ja, ich kann das alles auf ihn schieben und auf seine Art Liebe - wie er es nennt - total angstfrei leben zu wollen. Und dann kann ich die Reißleine ziehen und gehen. Und vielleicht werde ich das auch noch tun. Wäre da nicht... Wäre da nicht... die Erinnerung an ähnliche Situationen mit solideren und absolut monoamoren Männern, oder mit Freundinnen, ja sogar in der Familie. Und eine Ahnung davon, dass es so oder so kein Zurück mehr gibt, nicht in die alte Form des Liebens. Ob und wie die für mich angemessene neue Form sein wird, weiß ich nicht, aber wenn ich jetzt vorschnell die Flucht ergreife, werde ich es wohl nie erfahren. - to be continued -

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