• Susi

Zerborsten.

"Schreib doch eine Story darüber" hast du mir gesagt. Nun, hier ist sie:


Ein paar Monate sind wir jetzt zusammen. Doch noch ist es nicht passiert. Wir haben ihm schon entgegengefiebert, es gab ein paar Annäherungen. Einmal waren wir schon verdammt nah dran. Aber dann war die Energie doch nicht so da. Wir spürten, es lag nicht mehr fern, und genossen das Vibrieren der freudigen Erwartung, dass es bald passieren würde.

Und jetzt ist es also soweit. Dein Mund und mein Mund kommen sich ins Gehege und wir spüren, diesmal reißt es uns mit sich, überrollt sich und zieht uns in seinen Bann.

Unser erstes Mal.

Unsere Feuertaufe. So sehr hatten wir dem entgegengefiebert, doch jetzt wünschte ich auf einmal, dass es doch nicht passiert. Wie das so ist, manchmal neigt frau (mann vielleicht auch?) doch zu Romantisierungen. Und das hier ist gerade alles andere als romantisch.

Ein Zungenschlag gibt den anderen, die Stimmung kippt, auf einmal liegt Frust und Rechtfertigungsdruck in der Luft. Kein Funken Liebe ist mehr zu spüren.

Das also ist unser erstes Mal.

Ich versuche noch, ein wenig Witz reinzubringen, indem ich dich darauf hinweise, dass das hier jetzt wirklich unser erstes Mal ist. Doch du kannst darauf nicht einmal mehr müde lächeln. Deine Augen reagieren ohne Glanz. Stattdessen bekomme ich Vorwürfe. Ich fühle mich ungesehen und unverstanden. Ich versuche, mich zu erklären, dass ich eben manchmal nicht so kann, wie ich gerne möchte. Kein Erbarmen deinerseits, du wiederholst deine Argumente, ich meine. So kommen wir auf keinen grünen Zweig. Wir sind mitten in der Abwärtsspirale. Ein Ausstieg scheint uns beiden gerade nicht möglich.

Unser erstes Mal: wir streiten!

Und ich wünschte, wir könnten die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen, was uns an diesen Punkt führte. Doch ich bin leider nicht im Besitz einer solchen Zeitmaschine.

Zwischen den Argumentationsketten wird das Schweigen immer härter. Mir wird kalt ums Herz. Es schnürt sich zu. Noch einmal setze ich zu einer Erklärungssession an. Du sagst nichts mehr. Bettelnde Worthülsen gegen abwehrendes Schweigen.

Ich gebe auf. Weine leise gegen die unsichtbare Wand zwischen uns, die ich mit meinen Worten nicht durchdringen kann. Ist das das Ende? Etwas in mir weiß, nein, ist es nicht, und doch fühlt es sich jetzt gerade so an, als könne es nie wieder gut werden.

Eine große gähnende Leere inmitten des ersten Mals.

Und in diese quälende kaltgraue Leere schicken die bitteren Worte, die du nun mit einem wütenden Blick gegen mich richtest, auf einmal wieder Licht und Leben. Du herrschst mich an, ich solle dir gefälligst einfach das letzte Wort lassen.

Und etwas in mir geht auf. Wow! Du willst das letzte Wort haben? Wie bereitwillig mag ich dir das geben! All das Gebettele um dein Verständnis, du untersagst es mir einfach und gibst mir damit die Freiheit zurück. Wow! Aus der Mauer der Begrenzung wird ein Schutzwall der Abgrenzung. Dahinter ein Raum für unsere Beziehung. Ein "Nein", das mich zurückholt. In den Raum der Liebe. In diesem Moment öffnet sich etwas in mir. Ich weiß nicht, ob du es spürst und das ist auch gerade nicht so wichtig. Wichtig ist: ich spüre es klar und deutlich. Es strömt wieder Wärme in mich zurück und ein inneres Lachen, das ich nur mühsam zurückhalten kann. Wow! Mir wird warm ums Herz und ich liebe dich so sehr für diesen Maulkorb, den du mir gerade verpasst hast. Und in mir formt sich doch ein letztes Wort: "Danke". Habe ich das gesagt oder nur gefühlt? Egal. Es ist vorbei.

Unser erster Streit.

Du verläßt dann kurz danach den Raum. Unsere Egos grollen noch ein bißchen, wir lassen sie. Als du wiederkommst, krabbelst du wortlos zu mir unter die Bettdecke. Offiziell sind wir noch nicht versöhnt, unsere Herzen kennen dennoch den Weg. Wir schlafen aneinandergekuschelt ein.

Wir haben es überlebt. Und mehr als das.

Wir haben die Feuertaufe bestanden. Unser erster Streit, zerborsten in Liebe.

Text: Susanne Große-Venhaus #ProjektSchamLos, www.liebens-lust.de

Bild: pixabay

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